Wie die Landwirtschaft Lebensräume sichert

Von Kerstin Kaminsky / Weilburger Tageblatt vom 16.09.2021

Statt Mathe oder Deutsch zu pauken, verbrachte die Klasse 7b der Mittelpunktschule Goldener Grund den Dienstagvormittag auf dem Eisenbacher Tannenhof. Im Rahmen der Hessischen Biotage erfuhren die Kinder, dass Landwirtschaft nicht nur unmittelbar an der Erzeugung von Lebensmitteln beteiligt ist, sondern dass durch die Landwirtschaft auch viele Lebensräume für Pflanzen und Tiere entstehen. Neben Wiesen, Hecken oder Steinhaufen gehören auch Säume und Raine dazu.

Als Säume bezeichnet man den Übergang zwischen zwei unterschiedlichen Lebensräumen. In der Landwirtschaft sind das vielfach mit heimischen Kräutern und Wildpflanzen bewachsene Streifen am Ackerrand, in denen sich Falter und Insekten wohlfühlen. Auch Raine sind eine Form dieser Saumbiotope. Traditionell grenzen Landwirte mithilfe von Rainen ihre Äcker ab.

„Säume und Raine sind nicht zu verwechseln mit Blühstreifen als Futterstellen für Bienen und andere Bestäuber“, erklärte Wolf Gutmann vom Bioland-Verband seinen jungen Zuhörern. Säume und Raine sollen die heimische Tier- und Pflanzenwelt in ihrer Artenvielfalt erhalten.

Bevor die Siebtklässler auf einem Feld des Tannenhofs selbst bei der Anlage eines Ackersaums anpackten, stellte Gutmann verschiedene Pflanzen und Tiere eines solchen Lebensraumes vor. „Warum ist dieses Tierchen gut für die Natur?“ fragte der Fachmann und zeigt das Bild eines Marienkäfers. „Weil er Glück bringt“, so die spontane aber leider falsche Antwort. Tatsächlich brauche insbesondere die umweltschonende Landwirtschaft den Marienkäfer, weil er Schädlinge frisst und somit bei der Nahrungsproduktion nützlich ist.

Am Beispiel der saumtypischen Flockenblume erklärte Gutmann, dass es wichtig ist, diese Streifen im Herbst nicht gänzlich abzumähen. „Der dicke und hohle Stängel der Flockenblume verholzt und gibt vielen Insekten die Möglichkeit, ihre Larven und Eier überwintern zu lassen.“

Die ährenartigen Blütenstände des Blutweiderich bieten vielen Insekten im Herbst noch Nektar, wenn die meisten anderen Pflanzen bereits verblüht sind. Über die eher scheue Eichblatt-Radspinne erzählte Gutmann, dass sie sich gern versteckt und erst vorkommt, sobald sich ein Opfer in ihrem Netz verfangen hat.

Vom großen Wiesenknopf berichtete Gutmann, dass es eine Schmetterlingsart gibt, die zu 100 Prozent auf diese Pflanze angewiesen ist. Zum einen ernährt sich der Ameisenbläuling von ihrem Nektar, zum anderen legt er seine Eier, die wie Ameiseneier riechen, auf der Pflanze ab. Dann holen sich Ameisen die vermeintlichen Eier in ihren Bau. Kaum ist der Ameisenbläuling geschlüpft, fliegt er zurück zum großen Wiesenknopf und holt sich Nektar. Das Pfauenauge als eine der bekanntesten heimischen Schmetterlingsarten hingegen profitiere von Säumen, wo viele Brennnesseln wachsen, erklärte der Fachmann.

„Jedes Tier und jede Pflanze hat seine Besonderheit“, sagt er. So sei es ihm eine Herzensangelegenheit, durch Informations-und Bildungsarbeit die Bedeutung vielfältiger Säume und Raine in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu tragen. Allerdings war dem Bioland-Berater auch klar, dass die Schüler nach einer guten Stunde Theorie einen Ausgleich brauchten. Dafür organisierte er ein Fangspiel, bei dem die Kinder in die Rollen von Fledermäusen und Motten schlüpften.

Dann endlich ging es an die Praxis. Jedes Kind bekam etwa so viel Saatgut, wie in eine kleine Kaffeetasse passt. „Das sieht wenig aus, aber reicht für zehn Quadratmeter“, so der Experte. Am Rand eines gepflügten Feldes, auf dem im nächsten Jahr Lupine wachsen wird, hatte er bereits einen etwa 1,20 Meter breiten Streifen in Abschnitte von jeweils 10 Metern Länge abgesteckt.

Mit dem ausgegebenen Pflanzensamen konnte nun jeder Schüler sein eigenes Stückchen Land bestreuen. „Nehmt immer nur eine kleine Menge zwischen die Fingerspitzen und verteilt sie gleichmäßig und systematisch auf Eurer Parzelle“, machte Gutmann die Arbeitsweise vor.

„Das macht mir Freude“, freute sich Emely Schostak (12) aus Münster. „Bestimmt werde ich nächstes Jahr mal schauen, wie sich der Feldsaum entwickelt.“ Auch zuhause kümmert sich das Mädchen gern um den Obst- und Gemüsegarten, sodass sie bereits ein Bewusstsein für die Artenvielfalt entwickelt habe.

Über einen Garten kann Dennis Dazdarevic (12) aus Bad Camberg nicht verfügen. Umso mehr freute es ihn, an dieser schönen Aktion teilzunehmen, um der Natur ein wenig zu helfen.